Microsoft, Internet Explorer und die Webstandards

Selten sorgte eine Neuigkeit unter Standards-interessierten Webentwicklern für solche Kontroversen, wie die Bekanntmachung, dass der kommende Internet Explorer 8 seine Fehlerkorrekturen und verbesserte Standardunterstützung nur im Falle einer ausdrücklichen Einwilligung seitens der jeweiligen Webseite anwendet.

Die Ankündigung im englischsprachigen Magazin A List Apart durch einen Engagierten des Web Standards Projects, das mit Microsoft in Verhandlungen steht, sorgte für spontane Unmutsäußerungen, detailreiche Rechtfertigungen und durchdachte Ablehnungen von Prominenten der Webstandards-Szene. Alleine auf A List Apart wurden mehrere Wortmeldungen publiziert:

X-UA-Compatible heißt das Zauberwort, mit der Webautoren angeben können, für welche Internet-Explorer-Version eine Webseite Kompatibilität beansprucht, d.h. ursprünglich entwickelt wurde. Version targeting wird dieses Konzept genannt. Ab Version 8 wird der Internet Explorer alte Webseiten nicht mithilfe der neuesten Rendering-Engine darstellen, sondern mit einer ebenfalls mitgelieferten konservierten — im Zweifelsfall mit der des Internet Explorer 7. Folgt Microsoft dieser Logik konsequent, wird eine Webseite im Jahr 2010, wenn möglicherweise schon IE 9 erschienen ist, dargestellt, wie es der IE 7 aus dem Jahr 2007 getan hat — es sei denn, sie enthält eine entsprechende X-UA-Compatible–Meta-Angabe.

Dahinter steht Microsofts Überzeugung einer möglichst vollständigen Abwärtskompatibität über längere Zeiten und mehrere Versionen hinweg, die schon mit dem sogenannten Doctype-Switch im Jahr 2001 eingeführt wurde.

»Don’t break the web!« heißt das Credo der IE-Entwickler. Gemeint ist damit, dass sie keinen neuen Browser veröffentlichen wollen, der zwar vorzüglich standardkonform arbeitet, aber gerade deshalb die existierenden fehlerhaften Inhalte im Web nicht so darstellt, wie es sich Autoren dieser Inhalte wünschen. Denn viele Webseiten sind auf die gegenwärtige stark verbreiteten, aber grob fehlerhaften IE-Version zugeschnitten, anstatt sich an den Webstandards zu orientieren.

Obwohl der IE 7 nur die wichtigsten und brennendsten Fehler behoben hat, scheint Microsoft negatives Feedback von seinen Kunden bekommen zu haben. »Im IE 7 funktioniert meine Webanwendung nicht mehr!«, muss sich Microsoft tausendfach angehört haben. Dabei hat Microsoft ironischerweise nichts falsch gemacht, sondern nervige Browserbugs ausgebügelt, die andere Webentwickler jahrelang belastet haben.

Dem Dilemma, mit den nötigen einschneidenden Veränderungen am mangelhaften IE endlich aufholen zu wollen, ohne dabei die bestehenden mangelhaften Websites zu beeinträchtigen, versucht Microsoft nun durch das neu aufgelegte Opt-in-Modell zu entkommen. Selbst Befürworter stufen dies als Verzweiflungstat ein — tatsächlich ist es eine verzwickte Situation, aus der es keinen einfachen und eleganten Ausweg gibt.

Für mich ist die Diskussion um Für und Wider des »Version targeting« nur mäßig interessant und meine Meinung ist unentschieden, sodass ich hier nur auf die verschiedenen Wortmeldungen verweisen will — jeder möge sich sein eigene Meinung bilden. Für mich ist bei allen berechtigten Bedenken entscheidend, dass sich browserübergreifende, standardkonforme Webentwicklung für kommende IE-Versionen durch die angekündigten Fehlerkorrekturen und Verbesserungen weniger schmerzvoll gestalten wird.

Abstrahierend von dieser spezifischen Debatte stelle ich mir grundsätzlicher die Frage, ob Microsoft mit seinem Verständnis des Webs, seinem Verhalten zum Web und konkret seinen Software-Produkten für das Web die Zeichen der Zeit gehört hat. Und ob Microsoft überhaupt bereit und in der Lage ist, die nötigen Veränderungen mitzutragen.

In den Kontext dieser Frage gehört Jens Grochtdreis‘ lesenswerter Text Aus großer Macht … (man ergänze: folgt große Verantwortung). Dabei berichtet er von seinen Eindrücken einer Microsoft-Präsentation: Microsoft sieht sich mit dem Frontpage-Nachfolger Expression, mit dem Flash-Konkurrenten Silverlight und schließlich den jüngsten und kommenden IE-Versionen wieder ganz vorne dabei. Diese Produkte sieht Grochtdreis aber nicht als so innovativ an, wie sie Microsoft-Vertreter verkaufen.

Hauptvorwurf ist, dass Microsoft das Internet als bloßen Teil seines Produktportfolios sieht. Daraus resultieren fragwürdige Entscheidungen wie die grenzenlose Abwärtskompatibilität, die mit der Einführung des »Version targeting« erneut verewigt wird. Diese Entscheidungen seien aus der Microsoft-Binnensicht verständlich, aber für das Web — das keine geschlossene Microsoft-Veranstaltung ist, sondern eine Eigendynamik besitzt — fatal.

Microsoft übt eine der hohen Verbreitung seiner Internetprodukte entsprechende Macht aus. Aus dieser Marktführerschaft entstehe aber auch Verantwortung, der sich Microsoft noch nicht konsequent stellt: Die Verantwortung sollte mit sich bringen, dass Microsoft sich zudem als notwendige Triebkraft des technischen Fortschritts im Internet versteht.

Der Forderung nach einer offensiven Kommunikation kann ich mich uneingeschränkt anschließen: Mir hat sich schon immer die Frage gestellt, warum Microsoft Standardunterstützung nur als verstecktes Feature promotet, um die kleine Webstandards-Szene ruhigzustellen. Andere Browserhersteller haben sich seit jeher die Standardunterstützung auf die Fahnen geschrieben haben und damit selbstbewusst ihren Kunden notfalls freundlich, aber bestimmt auf die Füße getreten — das ganze nennt sich Tech Evangelism (vgl. Die Evangelisten kommen).

Jeder andere Browserhersteller ist bemüht, in Kontakt mit tausenden Webseiten-Betreibern zu kommen, um diese von standardkonformen Techniken zu überzeugen und um letztlich ihre Browser zu unterstützen. Das hat Kompromissbereitschaft nicht ausgeschlossen, sondern beidseitigen Fortschritt ermöglicht. Nur weil diese undankbare Arbeit nach Jahren gefruchtet hat, kocht man heute nicht mehr im eigenen proprietären Sud, sondern kann zukunftsweisende Techniken wie HTML 5 implementieren und die Entwicklung von neuen Standards maßgeblich mitgestalten.

Zwar publiziert das IE-Team in seinem Weblog mittlerweile vor jeder neuen Softwareversion Anleitungen, wie Webentwickler ihre Seiten anpassen können, um der verbesserten Standardkonformität Genüge zu tun. Doch Microsoft muss einsehen, dass die langjährige und anhaltende Ignoranz gegenüber offensivem Tech Evangelism erst dazu geführt hat, dass Microsoft von manchen seiner Kunden absurderweise Kritik statt Applaus erntet, wenn sie IE 7 mit längst überfälligen Reparaturen ausliefern. Wer jahrelang nicht ausreichend kommuniziert, braucht sich nicht zu wundern, beim ersten Ton missverstanden zu werden — aber dann gilt es, die Missverständnisse umso deutlicher auszuräumen und seine Position zu verteidigen, anstatt sich weiter zurückzuziehen.

Microsoft ist derzeit im eigens geschaffenen Teufelskreis gefangen und ausbaden müssen es diejenigen Kräfte bei Microsoft, die den IE wieder als ernstzunehmenden Konkurrenten ins Spiel bringen wollen. Der Ausweg ist nicht bloß reaktives »Don’t break the web« oder das defensive und ängstliche »Version targeting«, sondern ein Kurswechsel, bei dem Microsoft langfristig wieder als selbstbewusstes Subjekt auftreten kann.

Update: Microsoft entscheidet sich um, IE 8 Beta steht mit bemerkenswerten Neuerungen vor der Tür. Siehe Kommentare.

26 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Microsoft scheint sich ja seit kurzem eines besseren zu besinnen. Windows 7 ist stabiler, Bing sieht nicht schlecht aus, etc.
    Vielleicht folgt dem ja auch eine Einsicht was WebStandarts anbelangt.

  2. Na da bin ich mal gespannt wie denn der IE8 wird. Vor kurzem erst als Beta erschienen und Anfang Dezember sind bereits erste größere Sicherheitslücken bekanntgegeben worden. Aber diese sollen nicht nur den IE8 sondern alle IE betreffen. Nun hat Microsoft ein Patch herausgebracht, damit bei der Nutzung von IE keine Übernahme des Rechners über das Internet durch Andere bei Benutzung von IE erfolgen kann. Also das macht mich sehr skeptisch.

  3. @Walter: Ganz meine Meinung. An allen Ecken und Kanten werden die Alternativen mittlerweile angepriesen und selbst die härtesten Fälle von www-Nutzern werden langsam immer offener in der Nutzung dieser Teile. Gründe gibt es genug und somit wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis der IE nur noch ein vernachlässigbares Tool sein wird.

  4. @Alexander: Ich wage es zu bezweifeln, dass sich der IE6 so lange halten wird, wie damals der NS4. Dafür gibt es, im Gegensatz zu früher, zu viele Alternativen und IE6 wird nicht mehr mit Windows mitgeliefert. Laut einer Statistik von NetApplications hat der IE7 einen bereits knapp doppelt so hohen Marktanteil,wie der IE6 (http://marketshare.hitslink.com/report.aspx?qprid=2).

    Wir sollten endlich aufhören, Websites auch für den IE6 hinzubiegen. Dann wird er noch schneller verschwinden.

  5. Es wird für Designer bis auf weiteres aber nichts ändern, da wir uns noch Jahre mit dem IE6 rumschlagen müssen.

  6. @Jürgen
    ja das hast Du ganz richtig verstanden. Mit dem IE8 wird es zum erstenmal einen standardkonformen Browser von Microsoft geben. Und genau deshalb, weil der IE nach wie vor der meißtgenutzte Browser ist, macht das ganze ja so zum Dilemma für Webentwickler, sie mussten immer mindestens zweigleisig fahren.

  7. Verstehe ich das jetzt richtig? Obwohl der IE wohl der meist benutze Browser ist , hat er bisher nicht nach definierten Standards funktioniert? Mit der IE 8 soll das jetzt besser werde? Sorry für die Anfängerfragen aber ich bin wirklich erstaunt darüber falls das so sein sollte,

  8. @Matthias
    Und trotzdem heißen die Dinger conditional comments!

    SCNR

  9. Im IE-Blog ist deutlich erläutert, warum es z.B. von acidtests.org nicht klappt. Hauptsache Blödsinn verbreiten, wa ;)

  10. Schwachsinn. Eindeutiger Beweis, dass sie den ACID2-Test faken!

  11. Kommando retour, Acid2 von der Originaladresse webstandards.org aus geladen klappt fehlerfrei. Bei alternativen Adressen werden vermutlich einige Ressourcen nicht gefunden.

    Acid2 im Internet Explorer 8 beta

    Wow. Kompliment an Microsoft – das hätte ich nicht erwartet.

  12. Hier einige ofenwarme Testergebnisse des Internet Explorer 8 unter Windows XP SP2:

    Acid2 klappt noch nicht ganz.

    Acid3 ergibt 17 von 100 Punkten

    CSS-Selectors-Test: 334 von 578 Selektoren

    Die SELFHTML-Beispiele zu generiertem Inhalt (Fehler nach hover) und automatischen Anführungszeichen (keine) klappen noch nicht so recht.

    Simpel aber wirkungsvoll ist die Anti-Fishing-Adressleiste, die Protokoll, Subdomain und Pfad visuell in den Hintergrund stellt:

    Adresszeile Internet Explorer 8

    Insgesamt sieht man kaum mehr, wo genau man sich befindet. URIs werden ohnehin überbewertet. ;-)

  13. Ja, unglaublich. Sogar eine Pressemitteilung gibts, damit nicht nur die dreihundert Webstandards-Jünger, die das IE-Entwicklerblog abonniert haben, davon mitbekommen:

    Microsoft Expands Support for Web Standards.

    Company outlines new approach to make standards-based rendering the default mode in Internet Explorer 8, will work with Web designers and content developers to help with standards behavior transition.

    Auch wenn ich gerade noch dieses Tech evangelism gefordert habe: Dass Microsoft wirklich an die Öffentlichkeit geht und »Hallo an alle Webentwickler da draußen, das Web entwickelt sich weiter, aber nur mit eurer Hilfe!« sagt, ist schon verblüffend.

  14. Mein Lieblingsweg: Ein Internet Explorer 8 und ein Intranet Explorer (= IE 7). Aber nein …

  15. Moin!

    @Gunter

    Ebenso die Webautoren, die sich eher hinsetzen, und Anpassungen „zusammenhacken“, damit ihre Webseite auch möglichst noch in dem größten Murx-Browser ordentlich dargestellt werden, anstatt dem „unbedarften“ User zu vermitteln, dass er sich eines völlig ungeeigneten Werkzeuges zum Betrachten von Internetseiten bedient.

    Für eine private Homepage mag das eine gangbare Alternative sein, aber eine für einen Kunden erstellte Seite soll nicht 45% aller Benutzern Belehrungen ausspucken, sondern schlicht den Inhalt rüberbringen. Sonst ist man den Kunden los. Und leider schaut sich der Kunde die Seite von einem Computer in der Firma an, wo der Anteil des Antibrowsers leider noch sehr hoch ist (Auf Privatcomputern dürfte er hingegen vorm aussterben stehen).

    Zum Thema: Ich halte den Metatag für einen nicht besonders schönen Weg. Dass Microsoft ein neues Doctype-Switching braucht, um die Welt in „gute“ (IE8+-Getestet) und „schlechte“ Websites zu teilen, sehe ich ein. Das Problem bei diesem Metatag ist, dass es ein Konzept für die Ewigkeit zu sein scheint. Wenn ich sage, dass meine Seite mit dem IE8 kompatibel ist, dann erwarte ich, dass sie auch mit dem IE12 so angezeigt wird. Microsoft wird es also nicht so leicht fallen, dieses Ding wieder zu entfernen. Lieber sollten sie den IE 8 auf das Niveau vom Firefox 3 bringen und dann einen Switch erfinden, der nur sagt: IE8 oder höher. Kleine Anpassungen beim Versionswechsel sind wir ja gewöhnt, nur solche Brüche, wie es der Standardmode des IE 6 zum IE 7 war, war eben zuviel für manche Websiteanbieter.

    iGEL

  16. @Marc:

    So etwas kann eine Übergangsstrategie sein. Sobald nur noch wenige Seiten auf eine alte Engine ausgerichtet sind, wirft man sie heraus. Es sollte allerdings im Interesse des IE-Entwicklungsteams liegen, die jeweilige Übergangszeit möglichst kurz zu halten, sonst wird es tatsächlich absurd. Das geht nur, wenn mit dem „Version Targeting“ eine aktive Forcierung der Webstandards einhergeht.

  17. Ich kann die Einführung von X-UA-Compatible auch nicht begrüßen.

    Wie soll das denn dann in Zukunft aussehen? Ein Browser mit 100 MB oder mehr, der 10 alte Rendering-Engines mitliefert? Sicherheitsupdates für die alten Rendering-Engines 6 und 7 noch im Jahre 2018?

    Microsoft sollte erkennen, dass sie nicht nur die Webentwicklung auf diese Weise aufhalten, sondern sich damit auch ins eigene Fleisch schneiden — da ein Browser mit vielen Rendering-Engines wesentlich komplexer, damit wartungsanfälliger und so auch teurer ist.

  18. Das Microsoft die alten Webseiten schützen will, kann ich ja noch nachvollziehen. Aber dadurch entsteht eventuell zu wenig Druck beim Anbieter, die Seiten zu korrigieren, und damit auch beim Anwender, um die Browserversion zu wechseln.

    Ergebnis davon ist es, dass der IE8 vielleicht nur langsam an Marktanteilen gewinnt und somit auch neue Webseiten noch mit den Problemen in IE7 umgehen können müssen. Denn nicht jeder Anbieter kann es sich leisten, den User in der Browserwahl zu bevormunden.

    Damit wäre dann der erhoffte Segen, der mit einem besseren IE8 verbunden ist, dahin. Und das wäre die eigentliche Tragödie. Obwohl Microsoft dann die Standards gelesen hat, würde sich für den Webprogrammierer nichts ändern.

  19. Im Prinzip könnte es doch so einfach sein: Microsoft braucht einfach nur einen Browser bauen, der so standardkonform wie z.B. Mozilla Firefox ist, und von allen Webseiten und Detektoren nicht als Internet Explorer erkannt wird (um irgendwelchen Hacks für frühere IE-Versionen sicher zu entgehen).

    Nur wenn sie die Sünden des alten IE konsequent beenden und einen Neuanfang wagen, kommen sie aus der Nummer noch irgendwie raus.

  20. Die jetzige Situation verdeutlicht einmal mehr das Problem bei der Schaffung einheitlicher Webstandards und deren Umsetzung in den Browsern.

    Dabei reicht die Wurzel des Übels doch schon in die Anfänge zurück. Etwas vereinfacht formuliert, hat man damals die beiden großen Browserhersteller, Microsoft und Netscape, vor sich hin basteln lassen. Das hat zu unterschiedlichen Ansätzen für diverse Dinge geführt. Und dann ist man hingegangen, und hat die eine oder die andere Variante nachträglich zum Standard erklärt. Exemplarisch seien hier nur mal Netscapes Layer und Microsofts Box-Model genannt.

    Und da war das Dilemma schon da. Denn anstatt sich an den nun festgelegten Standards zu orientieren, hielt Microsoft an seinen proprietären Eigenentwicklungen fest — ja setzte diese munter weiter fort, während sich andere Browserhersteller an den Standards orientierten.

    Es dürfte wohl außer Frage stehen, dass Microsoft sich gedacht haben dürfte, dank seiner marktbeherrschenden Stellung, die Standards früher oder später so umbiegen zu können, wie sie es sich wünschten.

    Bis heute hat das ja glücklicherweise nicht funktioniert. Hinzukommt, dass Microsoft zwischenzeitlich ja auch in eine Art Lethargie verfallen ist, denn wer heutzutage fünf Jahre braucht, um eine neue Version seines Browsers herauszubringen …!

    Und nun scheint es, als ob Microsoft bemüht ist, verlorenen Boden wieder gut zu machen. Ob aber da nun ein wirkliches Umdenken in Richtung Standard-Konformität stattgefunden hat, mag man zumindest vorerst noch bezweifeln.

    Die Forderung nach der neuen Meta-Angabe ist für mich ein Indiz dafür, dass dem nicht so ist. Wie lange sollen wir denn den alten Müll noch mitschleppen? Und mal ganz ehrlich: Webseiten, die in standardkonformen Browsern nicht richtig dargestellt werden, gehören meiner Meinung nach sowieso in den großen Rundordner, aber nicht online gestellt!

    Wenn sich Microsoft mit seiner Forderung beim W3C durchsetzt, dann sehe ich schwarz für die Zukunft der Webstandards. Überhaupt ist dieses Gremium für mich eine „Fehlbesetzung“ zur Festlegung der Webstandards, denn solange es sich u.a. aus Vertretern kommerzieller Unternehmen zusammensetzt, solange werden auch rein kommerzielle Interessen im Vordergrund stehen, und nicht eine rein objektive Betrachtung der Erfordernisse und Wünsche der User.

    À propos User — die tragen natürlich durch ihre Benutzung solch proprietärer Browser auch zum Anhalten & Fortbestand der Misere bei!

    Ebenso die Webautoren, die sich eher hinsetzen, und Anpassungen „zusammenhacken“, damit ihre Webseite auch möglichst noch in dem größten Murx-Browser ordentlich dargestellt werden, anstatt dem „unbedarften“ User zu vermitteln, dass er sich eines völlig ungeeigneten Werkzeuges zum Betrachten von Internetseiten bedient.

    Aber nochmal zurück zum W3C. Wie bereits erwähnt betrachte ich diese Organisation mit ziemlichem Argwohn. Sicher mag es dort auch Leute geben, die in erster Linie die effiziente Weiterentwicklung der bestehenden Web-Standards im Auge haben. Aber leider werden diese all zu oft in „Grabenkämpfe“ verwickelt, mundtot gemacht, oder sonstwie ausgebremst. Das Ergebnis ist, dass die gesamte Entwicklung äußerst schleppend vorangeht und teilweise in die falsche Richtung. Bis man sich dort über die eine oder andere Technik mal Gedanken macht, interessiert diese in der Praxis schon keinen mehr.

    Hinzukommt in meinen Augen noch ein weiteres Problem. Man hat es in den letzten 10 Jahren geschafft, mit immerhin „nur“ drei verschiedenen Versionen der CSS-Spezifikation, diese so „aufzublähen“ und zu „verklompizieren“, dass es aktuell keinen Browser gibt, der sie komplett und fehlerfrei umsetzt! Und die weitere Entwicklung lässt auch wenig Hoffnung auf Besserung in der Hinsicht aufkommen — im Gegenteil.

    Was nutzt es denn in der Praxis, wenn es wieder mehr nur selektiv unterstütze Features in den einzelnen Browsern gibt? Praxistauglich ist nur die Schnittmenge der unterstützen Features in den gängigen Browsern.

    Ich plädiere also dafür, dass nicht nur Microsoft endlich mal einen radikalen Schnitt macht, sondern dass dies auch in anderen Bereichen gemacht wird.

    Und wenn sich Microsoft mit seiner aktuellen Forderung durchsetzt, dann haben sie ein weiteres Mal kräftig auf das Bremspedal für die Entwicklung hin zu einem einheitlichen und standardkonformen Web getreten.

  21. Sehr vereinfacht, gibt es wichtige Techniken, wie ein HTTP-Stream vom Browser zu behandeln ist:

    • Inhaltstyp — im folgenden sei (X)HTML angenommen
    • Rendering des (X)HTML-Streams (Webseite, Page)
    • Behandlung der in der (X)HTML-Seite verlinkten/definierten Objekte
      (Inhaltstypen), z.B. Bilder, Filme, JavaScript

    Für HTML und CSS gibt es Standards, mit JavaScript befasste ich mich nicht. Der Euphemismus kompatibel zu Browser xy heißt syntaktisch falsch, dem Standard widersprechend.

    Die Idee, in HTML-Seiten Darstellungsprogramme anzugeben, die mit folgendem Murks umgehen können, ist, milde ausgedrückt, unbedacht (ich würde lieber einen Kraftausdruck benutzen).

    Besser wäre eine Browsermeldung, ähnlich wie bei geblockten Popups: Diese Seite enthält Fehler. Sie könnte anders erscheinen, als es der Ersteller beabsichtigte.

    Eine Ursache für die vielen fehlerhaften Seiten sind Computerprogramme, die (X)HTML-Code erzeugen, besonders jene, welche WYSIWYG versprechen, wofür HTML nicht entwickelt wurde.

    Eine andere besteht in dem Wunsch der Anwender, lieber eine tolle Seite zu präsentieren, statt zu fragen: Wie erleichtere ich meinen Besuchern den Zugang?

    Ich hoffe, X-UA-Compatible wird nie eingeführt, sondern in Zukunft eine Anektode sein, über die man lachen wird.