Zusammenhänge schaffen ‒ SELFHTML wird 25

Mein Name ist Stefan Münz, ich bin 59 Jahre alt, lebe in der Nähe von Landau in der Pfalz und arbeite freiberuflich für eine österreichische Firma für Lernsoftware. Ich halte es für angebracht, den Artikel mit einer solchen Selbstvorstellung zu beginnen, da mich längst nicht mehr alle deutschsprachigen Internet-User so selbstverständlich kennen wie vor einem Vierteljahrhundert. Auch viele jüngere Web-Entwickler nicht mehr. Worüber ich keineswegs traurig bin, und noch weniger verwundert, denn die Welt des Web-Developments ist heute eine völlig andere als damals, auch wenn letztlich noch immer das meiste auf den damals entstandenen Auszeichnungs- und Programmiersprachen beruht. Nun sind wir hier zwar bei SELFHTML, wo mein Name immer noch so bekannt ist wie der von Greta Thunberg bei Klimakonferenzen — doch gerade jene Greta Thunberg beginnt ebenfalls fast jede ihrer Reden mit der einfachen Selbstvorstellung, auch dort, wo alle wissen, wer sie ist und woher sie kommt. 

Wer nun den großen Bogen zur Vierteljahrhundert-Geschichte der Web-Technologien erwartet, den muss ich allerdings enttäuschen oder auf den wunderbaren Artikel Old CSS, new CSS von Evelyn Woods vertrösten, wo diese Geschichte viel lebendiger erzählt wird als ich es je könnte. Stattdessen bleibe ich ‒ was an dieser Stelle vielleicht etwas gewagt erscheint ‒ erst mal bei Greta Thunberg. Wer meinen Spuren im Netz bis heute folgt, weiß allerdings, dass das durchaus folgerichtig ist, denn ich habe im vergangenen Jahr sehr intensiv das Wirken von Greta Thunberg verfolgt. Natürlich weiß ich, wie sehr Greta polarisiert, und dass wohl auch hier nicht alle sie nur toll finden, vielleicht sogar bis hin zu offener Ablehnung.

Zum einen waren es ihre Botschaften. Bei mir zumindest hat sie es geschafft, durch ihre pointierten Reden und ihr authentisches Auftreten das Bewusstsein für die Klimakrise überhaupt erst zu schärfen. Ich hatte vorher ziemlich idiotische und egoistische Gedanken beim Thema globale Erwärmung gehabt. Ich dachte tatsächlich, hey, ein paar Grad mehr, dann brauche ich als Rentner nicht mehr auswandern, und das Mittelmeerklima kommt von ganz alleine in die Oberrheinebene. Aber ich hatte mir natürlich keine Gedanken um all die anderen weltweiten Nebenwirkungen der Erwärmung gemacht. Oder besser gesagt: ich hatte sie gekonnt ausgeblendet. Erst Greta hat mich dazu gebracht, mich dem Thema wirklich offen zu stellen.

Weiterhin hat mich Greta zum ersten mal auf eine Art und Weise mit Feminismus konfrontiert, der ich mich nicht verschließen konnte. Natürlich hatte ich mich auch vorher schon damit beschäftigt. Aber es war letztlich immer eine eher intellektuelle Auseinandersetzung gewesen, bei der es um Themen wie Gleichberechtigung oder Selbstbestimmung ging. Der erkannte Zusammenhang zwischen Klimakrise und patriarchalischer Ordnung jedoch änderte mein Verständnis von alledem. Es geht darum, dass wir jetzt, nach tausenden Jahren patriarchalischer Dominanz, dringend eine neue Ordnung benötigen, in der es um Gewahrsamkeit statt um Eroberung geht, und um Bewahrung statt Wachstum. Anders werden wir weder die Klimakrise noch andere große Krisen wie die Bevölkerungsexplosion wirklich lösen können. In einem kleinen Text namens Szene 93 habe ich versucht, diese Gedanken zu formulieren.

Es gibt aber noch einen dritten Grund, weshalb mich die junge Schwedin so beschäftigt hat. Nämlich, dass ich in dem, was Greta da losgetreten hat 2019, auch ein wenig von dem wiedergefunden habe, was ich selber losgetreten hatte, 1995, als SELFHTML online ging. Irgendwie hatte ich damals auch so ein Greta-Gen in mir. So ein seltsames Sendungsbewusstsein genau im richtigen Moment der Mediengeschichte, obwohl ich überhaupt nicht gern in der Öffentlichkeit stehe und eher das völlige Gegenteil einer Rampensau bin. Es trieb mich damals das Gefühl, unbedingt auf etwas aufmerksam machen zu wollen, von dem ich selber überzeugt war, dass es der Schlüssel zur Zukunft sei, bei gleichzeitiger Befürchtung, die Menschheit könnte das nicht erkennen.

HTML war für mich viel mehr als nur eine Markup-Sprache. Es war die Zusammenführung von zwei damals noch sehr neuartigen Mächten: Internet und Hypertext. Mit Hypertext hatte ich mich schon seit Beginn der 90er Jahre beschäftigt und war fasziniert von den Visionen dahinter. Über den Aufbau des Internets hatte ich zwar ebenfalls seit Anfang der 90er Jahre rudimentäre Kenntnisse, aber ich wäre von selber nicht darauf gekommen, beides, also Hypertext und Internet, zusammenzudenken. Diese Ehre gebührt bekanntlich dem Erfinder des Web, Sir Tim Berners-Lee.

Wenn man heute über die eigentlichen oder ursprünglichen Konzepte von Hypertext oder Internet reden möchte, so fühlt man sich ein wenig, als wolle man über Hegel oder Kant refererieren. So weit weg, so abstrakt und historisch erscheint das alles längst. Als Greta Thunberg geboren wurde, riefen die Evangelisten des Silicon Valley gerade das Web 2.0 aus, mit Blogs und Feeds und Pings und Mashups und allerlei neuartigem Beiwerk. Als Greta vier Jahre alt war, stellte Steve Jobs ein schier unglaubliches neues Gadget namens Smartphone vor, das für die meisten Jüngeren heute der viel wichtigere und entscheidendere Schub in der Geschichte der modernen Medien war als die Erfindungen von Tim Berners-Lee.

Tatsächlich sind nun, da Greta 17 ist, Smartphones bei immer mehr Menschen längst das erste und letzte, was sie am Tag und im Leben zu Gesicht bekommen. Wo genau in diesen kleinen, gläsernen Hochleistungsrechnern das Internet beginnt und aufhört, weiß kaum mehr jemand, und es wird ja auch so gut es geht vermieden, die Endverbraucher damit zu konfrontieren. Ebenso ist es mit Hypertext. Die Geräte sind extrem reaktiv. Nicht mehr Klicken, sondern neben Tippen auch Wischen, Schieben und Mehrfingergesten, Befehle in natürlicher Sprache, und vereinzelt auch schon Steuerung mit den Augen. Dazu kommen Sensoren, die vor 25 Jahren kaum als Massenware vorstellbar waren, und die sich kontextuell nutzen lassen. So wissen die Geräte stets bis auf wenige Meter genau, wo auf der Welt sie sich befinden. Sie erkennen, wenn sie in Taschen verschwinden. Sie passen ihre Displayhelligkeit der Umgebung an und können teilweise auch Magnetfelder messen, Beschleunigung und Temperatur.

Mit altbackenen Hyperlink-Vernetzungsgedanken mag sich angesichts dessen niemand mehr befassen. Doch der Schein trügt. Hypertext weitergedacht ist eben nicht nur „Text mit Links, die dann zu anderem Text führen“. Hypertext ist die Vision des Schaffens von Zusammenhängen. Und Smartphones ‒ das wird oft verkannt ‒ sind bei Menschen nicht nur deswegen so beliebt, weil sie stets verfügbare unterhaltsame Daddelkästchen zum Zeitvertreib sind, sondern weil sie Zusammenhänge und Orientierung schaffen. Und Menschen lieben es, wenn Zusammenhänge hergestellt werden. Damit ist noch nichts über deren intellektuelle Schöpfungshöhe gesagt. Auch Klatsch und Tratsch stellen Zusammenhänge her ‒ also wie Welt von WhatsApp. Doch wer erst einmal papierlos auf Reisen war, mit Tickets als vorzeigbaren QR-Codes, mit Navigation und Erlebnistracking, lokalen Inforformationen zu Sehenswürdigkeiten, Öffnungszeiten und Preisen, Pflanzenbestimmung über Kamerafunktion, Echtzeitverständigung in fremden Sprachen — der weiß, was hier gemeint ist.

Und was hat das alles noch mit dem World Wide Web des Tim Berners-Lee zu tun, oder gar mit HTML? Durchaus mehr, als man ahnen mag. So greifen viele Mobile-Apps über sogenannte APIs auf Server-Speicher zu ‒ einerseits, um Informationen zu ermitteln, andererseits, um Userdaten geräte-unabhängig zu speichern. Die meisten dieser APIs verwenden das Web-Protokoll HTTPS und machen sich das Schema der URL-Adressierung zunutze. Die APIs liefern ihre Daten also über einen ganz normalen Webserver aus, nur eben typischerweise kein HTML, sondern eher strukturierte Daten in JSON- oder XML-Form, die dann von der Smartphone-App verarbeitet werden. So funktioniert das meiste heute, von der Hotelbuchung über App bis hin zum virtuellen Fitness-Trainer. Nun könnte man darüber traurig sein und einwerfen, die APIs seien doch nur der Sargnagel des Web, weil sie das Web aus der ursprünglichen „Erlebniswelt Web-Browser“ herauslösen. Ich bin allerdings sicher, dass Tim Berners-Lee diesem Lamento widersprechen würde, weil er sein ursprüngliches Web durchaus möglichst nutzungsoffen konzipiert hat.

Wenn es denn so etwas wie Sargnägel für das Web gibt, dann sind es wohl eher die großen, milliardenschweren Plattformen, welche den Rest des Web genauso ausgeblutet haben, wie es in manchen Ländern einige wenige Megastädte mit dem gesamten restlichen Land tun. Google zum Suchen, Wikipedia zum Nachschlagen, YouTube und Netflix zur Unterhaltung, Amazon zum Einkaufen, Twitter für Public Affairs und Facebook für Katzen- und Verschwörungs-Content. Von dem ursprünglichen Web 2.0 aus der Zeit um Gretas Geburt ist dabei ebenso wenig übrig geblieben wie vom Web des Netscape-Browsers und der Dotcom-Blase, also von der Zeit, da SELFHTML entstand.

Es gibt allerdings auch hoffnungsvolle Ansätze. Bestes Beispiel dafür ist eigentlich das Fediverse, mit Networking-Anwendungen wie Diaspora, Mastodon, Friendica oder Hubzilla. Anders als bei Homepages oder Blogs kann man sich dort explizit mit anderen Usern vernetzen und kommt wie bei Twitter oder Facebook in den Genuss eines Content-Streams, der auf Beiträgen von Usern basiert, die man abonniert hat. Anders als bei Twitter oder Facebook kann man seinen Account jedoch bei einem kleineren oder größeren Knotenbetreiber der eigenen Wahl einrichten, oder man betreibt eine eigene Installation einer der Anwendungen auf dem eigenen Webspace als privaten Zugangsknoten. Je nach Interesse kann man diese Anwendungen eher nutzen wie ein klassischer Blogger, oder eher wie ein typischer Microblogger, Influencer oder Repeater bei Twitter.

Nach einem heftigen Flirt mit den verschiedenen Anwendungen und Möglichkeiten des Fediverse im vergangenen Jahr hat mein Elan, dort heimisch zu werden, allerdings wieder nachgelassen. Der Grund war für mich vor allem, dass es dort einfach an sozialer Dynamik mangelt. Es fühlte sich ‒ zumindest für mich ‒ letztlich eher an wie in einem Web-Fachforum, wo man sich die meiste Zeit über mit den gleichen bekannten Stamm-Usern austauscht. Was an sich keineswegs verkehrt ist, aber eben durch Web-Foren eigentlich schon abgedeckt ist. Typische Wirkungen von Social Networking fehlten mir dagegen. Es gab keine nennenswerten Viral-Effekte, keine kreisenden Erregungen, kein schnelles, schwarmintelligentes Zusammentragen von Fakten, keine wahrnehmungsverändernden Trends — nichts, was Zusammenhang schafft über den gewöhnlichen Meinungsaustausch hinaus.

Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese sozialen Effekte, die das Web in den sozialen Medien mitunter erreicht, der wichtigste Pfeiler für die Zukunft des Web sind, und dass diese sozialen Effekte in Zukunft noch stärker gebündelt und sogar kontrolliert herbeigeführt werden müssen, um web-basiert Körperschaften oder ganze Gesellschaften zu organisieren. Abgesehen natürlich von den APIs, von denen es in Zukunft sicherlich ebenfalls immer mehr geben wird, und die dann auch das sogenannte Internet der Dinge steuern werden. Im Corona-Lockdown haben jedenfalls viele von uns bemerkt, wie wichtig web-basierte Kommunikation werden kann, sei es über Videokonferenzen oder neuere Kommunikationstools wie Discord oder Slack. Und zwar nicht nur begleitend oder als Ersatz für Real-Life-Kommunikation, sondern als vollwertige Alternative, um Geschäfte zu führen, im Team zu arbeiten, demokratische Entscheidungen zu finden, oder Jugendliche zu unterrichten. Im weiteren Verlauf der Klima-Krise werden wir lernen, uns weiter von althergebrachten Formen des Zusammenarbeitens, des Verhandelns und des Entscheidens zu lösen. Vielleicht auch von bisherigen Formen von Massenveranstaltungen. Das Web ist nutzungsoffen genug, um allgemein akzeptierte Lösungen dafür zu finden. Dazu gehört auch, dafür zu sorgen, dass der Strom, der für all die nötige Infrastruktur verbraucht wird, irgendwann kein schmutziger Strom mehr sein wird.

Und welche Rolle kann SELFHTML bei alledem spielen? In Zeiten, da schon selbst die beste internationale Konkurrenzdokumentation, w3schools.com, kaum noch anzustinken vermag gegen die längst übermächtig beliebte Verbindung aus „stelle deine Frage bei Google und hol dir dann die Antwort bei Stackoverflow ab“? Die Antwort muss lauten: „Richtige Antworten auf Fragen gibt es sofort und umsonst, aber systematisches Verständnis gibt es erst nach gewisser Zeit und nur gegen Hirnschmalz“. In diesem Sinne wünsche ich dem Projekt SELFHTML alles Gute fürs nächste Vierteljahrhundert im Dienste der Energie des Verstehens.

Stefan Münz

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