Schenk-Kultur auch bei Verlagen?

Durch SELFHTML sind nicht wenige Computer-Anwender erstmals mit der so genannten Schenk-Kultur im Internet konfrontiert worden. Immer wurde sich an verschiedensten Stellen darüber gewundert, warum so ein riesiges und in tausenden von Arbeitsstunden erstelltes Werk einfach frei zugänglich und auch noch frei downloadbar ist. Dass auf Autorenseite der Wunsch nach technischer Aufklärung stärker sein kann als der nach unmittelbarem Profit, blieb und bleibt immer noch vielen Anwendern unverständlich.

Noch absurder erscheint jedoch die Prognose, dass sich geschenktes Wissen nachträglich oder nebenbei auch noch verkauft. Viele Käufer der Bücher zu SELFHTML hatten längst die Doku auf der Festplatte, bevor sie das Buch erwarben. Da fragt sich der schlichte Profit-Verstand natürlich: wie kann so etwas möglich sein? Die Gründe sind sicherlich noch nicht hinreichend erforscht. Fakt ist jedenfalls, dass es funktioniert — wenn man damit leben kann, dass weniger als 1% der Profiteure letztlich zahlen. Die zahlende Kundschaft wird dadurch nicht kleiner. Stattdessen wächst jedoch die wissende Kundschaft.

Allmählich wagen sich auch Buchverlage vorsichtig ins Reich des freien Wissens. Schon seit Jahren sind immer wieder mal einzelne Bücher aus dem normalen Handel ganz legal vollständig im Web publiziert worden. Die Initiative dazu ging jedoch meistens von einzelnen, engagierten Autoren aus, die ihre Verlage überredeten, das Experiment zu wagen. Nun aber bin ich selbst als Autor eines Buches beim Verlag Addison-Wesley von einem Produkt-Manager überrascht worden, der das freie Publizieren von Verlagsbüchern im Web forcieren will, weil er bislang nur gute Erfahrungen damit gemacht hat und an die Sache mit dem mittelbaren Profit glaubt.

Da ich ja wegen SELFHTML bereits bekannt bin für meine Haltung in diesen Dingen, hat der Verlag mich von sich aus als einen der ersten Autoren gefragt, ob wir die Sache mit meinem Addison-Wesley-Buch Professionelle Websites mal ausprobieren können. Und weil ich selber überzeugt bin von der Idee, habe ich nun die beiden nachfolgenden Links für Datensäuglinge:

Das komplette Buch (1006 Seiten) als PDF-Datei, verpackt in einer Zip-Datei zum Downloaden:
Liste der Download-Mirrors (28.239.349 Bytes)

Neben dem PDF soll es später auch mal eine ordentliche Hypertext-Umsetzung in HTML geben. Die obigen Links erscheinen an dieser Stelle erstmals. Die Verlinkung auf der Site zum Buch folgt demnächst, ebenso die Verlinkung auf den Seiten des Addison-Wesley-Verlags.

Vielleicht erleben wir ja tatsächlich noch ein Umdenken auf breiter Front: Wissen, das viele angeht, wird verschenkt, doch einige, die davon profitieren und es sich leisten können, sind bereit, nachträglich oder zusätzlich dafür zu zahlen. Ein Modell für eine aufgeklärte, wenn auch noch kapital-basierte Wissensgesellschaft? Vielleicht schreibt ja mal ein schlauer Kopf ein Buch über dieses Thema und stellt es ins Netz 😉