Grundsatzdebatten im Webdesign

Immer wieder kommen Diskussionen zu gewissen Themen im Webauthoring hoch. Dabei tun sich vor allem zwei hervor: Die Diskussion um die »richtige« Schriftgröße und um das Öffnen von neuen Fenstern (target=„_blank“ und Popups). Fast in jedem fachlichen Forum und auch in der Blogosphäre werden endlose Wortgefechte geführt, ohne dass eine Einigung erfolgt. Was ist das eigentümliche an Grundsatzdebatten, warum sind sie nie ausdiskutiert und warum nerven sie irgendwann?

Es gibt wenige Fachartikel, die diese Themenfelder in einer Weise beackern, sodass alles gesagt ist. Es ist nahezu unmöglich, sich ein Überblick über die Lage zu verschaffen. Letztlich bringen alle Fraktionen gute, handfeste Argumente. Und auch unzählige Behauptungen, Vermutungen, Hypothesen und Scheinargumente werden geäußert – schließlich glaubt jeder Diskutant, für sich eine akzeptable Lösung gefunden zu haben.

Als Beobachter wird man mit jeder Wortmeldung, die man zum Thema liest, nur unsicherer. Oft liegt ein unauflösbarer Widerspruch von Prinzipien vor. Oft stehen sich grundlegend Benutzerinteressen und Autoreninteressen gegenüber, oder die Realität des World Wide Webs steht der technisch erstrebenswerten Lösung entgegen.

Was ist die »richtige« Schriftgröße?

In den letzten Wochen entbrannte die unendliche Geschichte um die »richtige« Schriftgröße in den Weblogs der üblichen Verdächtigen — Grund genug, sich kritisch anzusehen, welchen Aspekten Raum gegeben wird und welche ausgeblendet werden:

Welche Möglichkeiten gibt es, die Schriftgröße anzugeben?

Auch wenn sich die Diskussionen wiederholen, wird dabei selten an die Erkenntnisse der vorigen angeknüpft. Was die Frage nach der richtigen Schriftgröße für das Medium Bildschirm angeht, so sind die wichtigsten Fraktionen kurz zusammengefasst folgende (es geht hier nicht darum, alle Vor- und Nachteile angemessen darzustellen):

  1. Benutzung von absoluten, festen px-Werten, z.B. font-size:14px. (Welchen px-Wert man nimmt, ist wieder eine Diskussion für sich.) Damit lässt sich ein vorhersehbares Design erstellen mit zuverlässiger Komposition von Layout, Text und Bitmapgrafiken. px-Werte passen sich allerdings nicht an die Erfordernisse der Leseumgebung an. Der Internet Explorer 6 kann px-Werte nicht über das Menü Ansicht → Schriftgrad skalieren, andere verbreitete Browser über ähnliche Dialoge hingegen schon.
  2. Benutzung von em- oder %-Werten, die relativ zum Elternelement bzw. relativ zur Standardschriftgröße wirken. Aufgrund einer ziemlich großen Standardschriftgröße in den meisten Browsern (gängigerweise 16px) wird als Ausgangsgröße ein Wert unter 100% vorgegeben. Verbreitet ist font-size:80%. Man spekuliert damit auf ein ähnliches Ergebnis wie font-size:13px für normalen Fließtext. Damit können IE-Benutzer den Text zumindest einfach vergrößern und das Verhältnis zu anderen Pixelgrößen ist eingermaßen vorhersehbar.
  3. Benutzung von em- oder %-Werten. Man gibt keine Ausgangsgröße unter 1em bzw. 100% vor. Einfacher Fließtext ist dann genauso groß wie die im Browser eingestellte Standardschriftgröße, also in der Regel 16px. Das ist für die meisten Designer zu groß. Man lässt dem Benutzer die Freiheit bzw. verlangt von ihm, die Standardschriftgröße im Browser festzulegen und falls nötig die zu große Schrift zu verkleinern.

Welche Methoden sind verbreitet?

Die px-Methode ist wohl die verbreitetste, dahinter liegt font-size:80% samt Verwandten. Fast alle Websites, die sich um Benutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit scheren, arbeiten mit einer em- oder %-Vorgabe unter 1em bzw. 100%. Unter sich als fortschrittlich wähnenden Webautoren ist diese Technik der neue, selbstverständliche Standard. Keine Schriftgrößenvorgabe findet man nahezu nirgendwo.

Worin bestehen die grundlegenden Unterschiede?

Die ersten beiden Methoden unterscheiden sich konzeptionell nicht sehr. Denn in beiden Fällen nimmt man einen Musterbenutzer als Maßstab für alle Fälle. Man nutzt einerseits px, weil Standardschriftgrößen willkürlich sein können. Man nutzt andererseits Werte unter 100%, weil man von 16px Standardschriftgröße ausgeht und darüber auf die letztlichen px-Werte schließt (z.B. 75% × 16px = 12px).

Die Arbeitsweise bei beiden Methoden ähnelt sich demnach: Man strebt eine gewisse Pixelgröße an und geht damit insgeheim von einer bestimmten Bildschirmauflösung und ‑größe aus. Der einzige Unterschied und damit das Argument für die zweite Methode ist die Skalierbarkeit im Internet Explorer 6. Auf die Standardschriftgröße, die sich jeder Benutzer individuell einstellen könnte, will man im Grunde nicht bauen, sie tritt eher als unerwünschter Faktor auf. Denn derjenige, der seinen Browser tatsächlich auf eine bestimmte Optimalgröße konfiguriert, verliert bei diesem Konzept.

Erst die dritte Methode fällt aus dem Rahmen, indem sie sich positiv und annehmend auf die Standardschriftgröße bezieht. Damit erkennt sie auch an, dass die Standardschriftgröße differieren kann. Diese Methode kann nur mit der Vielfalt funktionieren, nicht ohne bzw. gegen sie. 16px als ungefährer Wert für 1em kann höchstens als Richtschnur dienen. Der Vorteil des relativ sicheren Ergebnisses fällt damit weg, weshalb sich die wenigsten Designer mit dieser Methode anfreunden können.

Mit welcher Schriftgrößenangabe ist ein anpassungsfähiges Layout möglich?

Das Dilemma ist nun, dass keine Position eine Antwort auf die wirklich brennenden Fragen löst. Wie reagiert ein Layout samt Schrift auf die unterschiedlichen Lesebedingungen?

Unbezwingbare Vielfalt der Lesebedingungen

Es gibt es nämlich mannigfache Konfigurationen: Es gibt große und kleine Bildschirme, Röhren- und Flachbildschirme jeweils mit unterschiedlichem Kontrast, unterschiedlicher Helligkeit, Schärfe, Bildfrequenz, Spiegelung. Ferner ist relevant, wie der Betrachter zum Bildschirm positioniert ist, welche Lichtverhältnisse herrschen. Ich persönlich z.B. arbeite regelmäßig an vier unterschiedlichen Bildschirmen. Die Bedingungen, unter denen ich an diesen arbeite, können sich jeweils ändern: Laptop unterwegs auf dem Schoß, vielleicht sogar draußen, versus zuhause mit Gegenlicht oder eher im Dunklen. Desktop tagsüber versus abends, zurückgelehntes Lesen versus bildschirmnahes Arbeiten.

Ferner ist die Auflösung der grafischen Oberfläche relevant, daneben die Software, die die Fonts rendert und gegebenenfalls die Kanten glättet. Der faktisch verwendete Font spielt eine wichtige Rolle, beispielsweise liegen zwischen Arial und Verdana bei gleicher Größe Welten. Die Lesbarkeit eines bestimmten Texts einer Website wird letztlich auch bestimmt durch die Zeilenhöhe und den Kontrast zwischen Text- und Hintergrundfarbe.

Unbezwingbare Vielfalt der Benutzerbedürfnisse

Das allein beschreibt die Vielfalt bei den technischen Umgebungsbedingungen. Hinzu kommen die Bedürfnisse des Benutzers. Wie einfach fällt es ihm, mit dem jeweiligen Bildschirmsystem umzugehen? Klebt er förmlich mit der Lesebrille am Bildschirm oder kann er problemlos zurückgelehnt lesen? Wie kommt er mit den Kontrasten zurecht? Ist die Sehfähigkeit speziell eingeschränkt? Allein dies ist eine Wissenschaft für sich.

Es gibt zwar Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Lesebedingungen, aber diese Merkmale kommen in der Realität nahezu willkürlich vermischt vor. Allein hinsichtlich der Bildschirmgröße und ‑qualität, der Auflösung, des Fonts und der individuellen Benutzerbedürfnisse möchte ich behaupten, dass wir es mit unzähligen Szenarien zu tun haben. Jeder Benutzer liest einen Text unter eigentümlichen Bedingungen.

Kann eine Schrift angesichts dessen überhaupt anpassbar sein?

Egal wie man also die Schriftgröße festlegt, sie kann nicht angemessen auf diese Faktoren reagieren. Genauer gesagt reagiert sie überhaupt nicht: Zumeist setzt die Website eine bestimmte Bildschirmgröße, ‑qualität und ‑auflösung voraus. Die gewählten Pixelgrößen und Werte unter 1em/100% mögen unter diesen Bedingungen angemessen sein. Ändern sie sich, so ist die Schrift zu klein oder auch zu groß.

Das merke ich immer wieder: Für die besagten vier Bildschirme mit unterschiedlicher Größe, Qualität und Auflösung gibt es keine Schriftgröße, die ich auf allen komfortabel lesen kann. Selbst auf meinem Hauptrechner skaliere ich je nach Tagesform, Lichtverhältnissen und der restlichen Typographie einer Website anders. Bei mir hängt es sogar davon ab, ob ich Kontaktlinsen oder Brille trage, nach einigen Stunden vor dem Bildschirm ermüden meine Augen zudem.

1em- bzw. 100% als Lösung?

Aus diesem Teufelskreis gibt es praktisch kein Entrinnen. Keine Website kann eine Schriftgröße angeben, die unter annähernd allen oder nur den meisten Umständen einen lesbaren Text gewährleistet. Die dritte Methode, gänzlich nur mit 1em/100% zu arbeiten, vermag den Teufelskreis theoretisch zu durchbrechen. Denn so radikal sie ist, so utopisch ist sie: Ich könnte in den Browsern der vier unterschiedlichen Systeme unterschiedliche Größen voreinstellen und hätte auf jeder Website ähnlich gut lesbaren Text, den ich noch etwas nachskalieren könnte.

Das übliche Argument gegen alle möglichen Utopien ist, dass jeder radikal umdenken und manches hinter sich lassen müsste, wozu freilich niemand gewillt ist. Außerdem, so heißt es, müsste das gesamte Web die Revolution mitmachen, damit sie erfolgreich wäre, was doch ziemlich unrealistisch ist. Wir wollen, so sagt man, also lieber pragmatisch sein. Und so weiter.

Nun, alles zugestanden, ich will die Argumente nicht herunterspielen. Man kann zu dieser Frage stehen, wie man will, faktisch bleiben wir im Teufelskreis gefangen und können höchstens den Schaden begrenzen und verlagern.

Keine Antwort ist auch eine Antwort

Was hilft uns nun die Erkenntnis der Vielfalt, wenn wir sowieso nicht auf sie reagieren können? Sie verhilft zu keiner Lösung, aber zu einer differenzierten Sicht auf die verschmähten und auch die propagierten Methoden.

Alle vermeintlichen Lösungen sind benutzerfeindlich

Bei fast allen Wortmeldungen zum Thema fehlt mir persönlich die Einsicht. Der CSS-Guru Eric Meyer zieht ein kleines Fazit. Eric gibt keine Anleitung, keine Entscheidungshilfe, keine Ratschläge. Sein Fazit trägt nichts zum ewigen Streit bei, er liefert keine neuen Argumente für die eine oder andere Seite. Er fällt sogar allen, die sich ernsthaft Gedanken zum Thema machen, mit destruktivem Zynismus in den Rücken. – Aber gerade damit schafft er mit wenigen Worten äußerste Klarheit und bringt die Sache auf den Punkt. Eric drückt uns in unserer Unentschlossenheit und Verzweiflung auch noch aufs Auge, dass alles, was wir auch machen, falsch ist:

You’re a Web designer, right? You fascist oppressor. … [I]n your last three design projects, you excluded visitors, ran roughshod over user expectations, and generally displayed a lack of understanding of the medium. This is the case no matter what design techniques you used; no matter whose books you read; no matter what you did. You thug.

Eric will damit sagen: Alle bislang hoch gelobten Lösungen sind keine. Was die brennenden Grundsatzfragen angeht, so gibt es keine Patentlösung. In der Praxis geht es darum, für jede Website einen passenden Mittelweg zu finden, verschiedene Ziele miteinander zu vereinbaren. As with layout types, you have to weigh the alternatives and pick the solution that best fits the project and the audience. Und treffen wir erst einmal eine Wahl, so ist sie dennoch weit davon entfernt, allen Besuchern gerecht zu werden. Once you’ve made your decision, you need to remember that some fraction of your users will be annoyed and possibly offended …. Keeping that fraction as small as possible is a sensible goal; trying to bring it down to zero is a fool’s errand..

Die Orientierung am »Durchschnitt« wird der Vielfalt nicht gerecht

Eric Meyers Haltung überhebt sich im wahrsten Sinne des Wortes, um Ratschläge auf einer anderen Ebene zu geben. Was ist nun das Neue? Natürlich haben wir für unsere Webprojekte schon immer unsere Erfahrung und unser Urteilsvermögen eingesetzt, wenn es um die Wahl der Schriftgrößen ging. Natürlich habe wir immer den praktikablen Mittelweg gesucht.

Das Problem ist, dass in Diskussionen jeder glaubt, mit seiner Schriftgrößenvorgabe dem allgemeinen Willen zu entsprechen und es der großen Mehrheit recht zu machen. Überhaupt ist die Anwaltschaft für den Normal- und Durchschnittsbenutzer das Killerargument. Aber jeder, der so argumentiert, sitzt einem Denkfehler auf. Es sind bloße Schattengefechte, weil es die benutzerfreundliche und anpassungsfähige Schrift nicht gibt.

Die realen Lesebedingungen sind zu unterschiedlich und vielfältig, als dass man den Großteil der Benutzer zufriedenstellen könnte. In Wirklichkeit sind die meisten Websites auf eine bestimmte Konfiguration »optimiert« und abweichende Konfigurationen werden benachteiligt. Damit decke ich keinen Skandal auf, sondern sage etwas eigentlich selbstverständliches, was leider aus der Diskussion ausgeklammert wird.

Fazit: Zurückhaltung und Einsicht

Welche Methode wir auch wählen, wir müssen mit dem berechtigten Unmut einer gewissen Benutzerschar rechnen. Wir sollten damit souverän umgehen und diese Schwächen nicht leugnen – schon gar nicht, wenn wir anderen irgendeine Methode empfehlen.

Krasse Widersprüche existieren und die gegenwärtigen Methoden lösen sie nicht. Dass ich nicht einmal meine eigenen Websites auf zwei unterschiedlichen Rechnern angenehm lesen kann, zeigt mir, welche Probleme für meine Zielgruppe lauern. Angesichts dessen scheint mir die Haltung »Ich nehme Rücksicht auf unerfahrene Benutzer, die die Schriftgröße nicht zu skalieren wissen« reichlich einseitig.

Wir sollten uns hüten, gegenüber den Differenzen blind zu sein und auf der Unantastbarkeit unserer Lösung zu beharren, die tatsächlich keinem recht passen mag.