Usability Engineering oder anwenderzentrierte Software-Entwicklung

Labyrinth

Wie Sie die Erwartungen Ihrer Nutzer im User Interface Design berücksichtigen

Softwarebedienung ist Erwartungsmanagement

Wer kennt sie nicht, die Software oder Webportale, die nicht so funktionieren, wie man erwartet? Doch woran liegt das eigentlich?

Bedienhürden entstehen, wenn das Design einer Bedienoberfläche, das sogenannte User Interface Design oder auch Schnittstellendesign nicht auf die Erwartungen seiner User eingeht. Aus verschiedensten Gründen wissen Ihre User, was sie wie erreichen möchten. Bietet ein User Interface Design dem Anwender eine Funktion nicht im erwarteten Moment, am erwarteten Ort oder in der erwarteten Art an, spricht man von mangelnder Usability (Gebrauchstauglichkeit).
Mittels anwenderzentrierter Entwicklung (engl. Usability Engineering) sorgen Sie für eine hohe Usability. Kennzeichen jeder anwenderzentrierten Entwicklung ist ein iteratives Vorgehen mit den Phasen Anforderungsanalyse, User Interface Design und Usabilitytest. Wie Sie dabei konkret vorgehen, erfahren Sie im Folgenden.

User-orientierte Anforderungsanalyse mit Mentalen Modellen

Wie einleitend gezeigt, besteht das Ziel der anwenderzentrierten Entwicklung darin, die Erwartungen der User zu erfüllen. Dafür empfehle ich Ihnen, das Mentale Modell Ihrer User kennenzulernen. Mentale Modelle sind die Repräsentation von

  • Gegenständen wie User Interface Elementen oder
  • Prozessen wie dem Zusammenspiel verschiedener Ansichten

im menschlichen Bewusstsein. Sie bilden die Basis unserer Erwartungen.[1] Mentale Modelle bilden sich aus den Erfahrungen, die die User machen. Sie sind im Gegensatz zur häufig genutzten einstellungsbasierten Anforderungsanalyse zeitlich stabil und erlauben die zuverlässige Vorhersage von erfolgreichen Anforderungen.[2]

Ein Beispiel für ein Mentales Modell ist Ihre Vorstellung von Ihrer Wohnung. Vor Ihrem geistigen Auge finden Sie den Weg von Ihrer Wohnungstür zur Küche und können ihn beschreiben, ohne selbst daheim zu sein. Das Gleiche können User bei einer Software. Die Kunst besteht nun darin, die Mentalen Modelle der Anwender zu finden, die sie bei der Nutzung einer Software heranziehen um sich zurechtzufinden.
Diese Mentalen Modelle entdecken Sie, indem Sie den Nutzungskontext kennenlernen, den Ihre User bereits im Kopf haben. Laut DIN EN ISO 9241-11[3] umfasst der Nutzungskontext die Ziele und Aufgaben der User, ihren Workflow sowie die Situation, in der sie das System nutzen. Die Merkmale Ihrer User, etwa die Fachbegriffe, die sie verwenden, ihre Befürchtungen sowie ihre Technikerfahrung gehören natürlich auch dazu.

Diese gewonnenen Informationen bilden zusammen mit dem Wissen aus der Kognitionspsychologie die Grundlage für das User Interface Design.

Anwenderzentriertes User Interface Design

Die Gestaltung eines User Interface Designs erfolgt mit Usability Engineering in drei Phasen: zuerst die Informationsarchitektur, dann das Interaktionsdesign und zuletzt das Grafikdesign.

Mit der Informationsarchitektur werden die einzelnen Ansichten auf das System definiert. Diese ergeben sich aus den erhobenen Zielen und Aufgaben der Anwender und werden auch gern als Informationsräume bezeichnet.

Ausgehend von der Informationsarchitektur wird das Interaktionsdesign entwickelt. Dieses legt fest, wie der User von einer Ansicht in eine andere gelangt. Für diesen Schritt ist es wichtig die Fähigkeiten der User, ihren Workflow und ihre situativen Einflüsse wie beispielsweise blendendes Licht genau zu kennen. Mit Methoden wie Card Sorting[4] oder Metaphern berücksichtigen Sie gezielt die Erwartung Ihrer User im System.

Aufbauend auf das Interaktionsdesign wird das Grafikdesign, auch Layout genannt, entwickelt. Auch in diesem Schritt sind die Anwender und ihre Nutzungssituation mitzudenken. Beispielsweise empfiehlt sich für User über 40 Jahre eine größere Schrift und stärkere Kontraste, da die Augen langsam nachlassen. Mit Hilfe der Gestaltgesetze[5] sorgen Sie für mehr Übersichtlichkeit in Ihrem User Interface.
So gut dieses Vorgehen in der Praxis auch ist, nichts geht über das Feedback der Anwender. Usabilitytests sind also unerlässlich.

Usabilitytests zur Überprüfung der Erwartungstreue

Die Usability eines User Interface Designs unterliegt der subjektiven Bewertung, die jeder Anwender anhand seines Mentalen Modells vornimmt. Aus diesem Grund gilt die Usability eines User Interface Designs auch nur für einen bestimmten Nutzungskontext und ist zwingend durch Usabilitytests abzusichern.
Ein weiterer Grund für Usabilitytests ist die Betriebsblindheit, die sich bei allen einschleicht, die sich für den Erfolg eines Systems engagieren. Durch ihre tägliche Arbeit erwarten Ihre User die ihnen bekannte Funktion des Systems. Einem unverbrauchten Blick fallen Bedienhürden deutlich leichter auf.

Doch Vorsicht: Die Präsentation Ihres User Interface Design gegenüber den Usern ist kein Usabilitytest.

In einem Usabilitytest werden repräsentativen Usern Aufgaben gegeben, die sie mit Hilfe des Systems zu erledigen haben. Bewertet wird die Usability dabei nach folgenden Kriterien:

  • Effektivität: Kann der User die Aufgabe mit dem System erfüllen?
  • Effizienz: Kann der User die Aufgabe in der vorgegebenen Zeit erfüllen?
  • Zufriedenheit: Ist der User mit dem System zufrieden?

Durch das Feedback der Testteilnehmer erhalten Sie weiteren Aufschluss über das Mentale Modell der User und die Gründe etwaiger Bedienhürden. Mit diesem Wissen entwickeln Sie das User Interface Design weiter bis Sie letztlich die wesentlichen Erwartungen Ihrer User erfüllen.

Fazit zum Usability Engineering

Die anwenderzentrierte Entwicklung legt großen Wert auf detailliertes Wissen über das Mentale Modell der User. Nur so lassen sich die Erwartungen der User erkennen und erfüllen. Mit dem beschriebenen Vorgehen sparen Sie sich Ihre Ressourcen auf der einen Seite für die 45% der Funktionen, die sonst umgesetzt, aber nicht benötigt werden. Auf der anderen Seite können Sie diese Ersparnis in die 39% der tatsächlich nötigen, aber sonst fehlenden Funktionen investieren.[6] So bleiben Sie und Ihr Projekt in Time und Budget.
Noch wichtiger als Time und Budget ist Ihr Umsatz. Passt Ihr Produkt zu Ihren Usern, zahlt sich das für Sie aus.

Quellenverzeichnis

Veröffentlicht von

Steffen Eßers nutzt bereits seit 1999 die Erkenntnisse der Psychologie für effiziente Software-Entwicklung. Immer mit dem Anspruch, die Anwender einzubinden. Seine Ergebnisse sind überzeugende Software und motivierte Anwender. Seit 2006 ist er Geschäftsführer der Apliki Psychologische IT-Beratung GmbH.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen Artikel. Die weiterführenden Links sind echt super!

  2. Danke für diesen Artikel! Und vor allem auch danke für die vielen lesenswerten Querverweise!

  3. Danke für den Artikel.
    Form Follows Function. Nur mit der Erhöhung des Kundennutzens durch gute Websites rechtfertigt sich die professionelle Arbeit des Webdesigners.